"Das leben der anderen" - die Kritik nimmt kein Ende
verfaßt von Mario Falcke, E-Mail: keine Email, 22.05.2006, 18:53 Uhr
Nicht nur Sie sehen die Crux des Filmes im unglaubwürdigen Plot. So mailte mir ein Landesbeauftragter für Stasiunterlagen (der den Film trotzdem als wichtigen Diskussionsanstoss sieht) u.a. folgendes:
"Im Gegensatz zu den tatsächlichen Strukturen und Arbeitsabläufen
beim MfS wird im Film negiert, dass es dort (von der
Vernehmungssituation einmal
abgesehen) eine organisierte Distanz zwischen Tätern und Opfern gab.
Der für einen "Operativen Vorgang" zuständige Offizier hat nie selbst
in die Gespräche der Opfer hineingehört, sondern er bekam die
Tonbandabschriften der Abteilung 26 auf den Tisch. Er ist nicht
selbst dem Opfer in den Straßen gefolgt oder in dessen Wohnung
eingebrochen, sondern er bekam die Beobachtungsberichte und
Durchsuchungsprotokolle von der Abteilung VIII. Er hat nicht selbst
die Erläuterungen des Verfolgten über die Beweggründe und Ziele
seines Engagements angehört, sondern sich auf die Berichte und
Einschätzungen seiner IM beschränkt.
Der Betroffene war kein Mensch, sondern ein "Vorgang", ein
"Material", ein "Objekt" oder schlicht ein "Feind". Die Möglichkeit,
dass ein Verfolgter als Mensch unmittelbar auf den für seine
Verfolgung verantwortlichen Stasi-Offizier einwirken konnte, war
faktisch nicht vorhanden. Und das war kein Zufall, sondern System. Es
war eines der entscheidendsten Wirkungsmechanismen der Stasi."
Dem kann ich mich nur anschliessen und auf die vielen Beiträge hierzu in diesem Forum verweisen. Bezeichnend ist auch wie das "Neue Deutschland" mit diesem Film umging. In zwei gross aufgemachten Artikeln wurde der Film gelobt. Eben weil er die Angehörigen der Stasi weichgezeichnet hat. Was nützt ein Film, der die Schrecken der DDR erzählt, wenn er einem Täter ein derartiges Helden-Finale beschert?
Zudem schockiert mich immer wieder die in der Presse kolportierte Meinung das Donnersmarck für das Drehbuch 5 Jahre ernsthaft recherchiert hätte. Wäre dem so, dann würde der Film nicht mit einem realitätsfernen Plot arbeiten müssen. Fiktion darf natürlich mit allen Mitteln einen Spielfilm tragen - aber eben nicht um den Preis der Unglaubwürdigkeit oder entstellender Geschichtsschreibung.
Ich bin sicher das der Film historisch gesehen keinen Bestand haben wird. Da nützt kein Mainstream und kein monopolistischer Kino-Weltvertrieb. Mir tut es jedoch um das erzeugte Rezeptionsverhalten vielen junger Filmzuschauer leid. Die DDR war eben kein Land der Helden der Stasi und kaum ein Land der Helden der Opposition. Eine Diktatur wie die DDR unterdrückte nun einmal beide Pole - der Film negiert diese Realität völlig und muss daher kritisiert werden. Jedenfalls wenn man keine Geschichtsklitterung betreiben will.
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